Neues Leitbild ist altes Leid-Bild
"Dass die Regierungsfraktionen die gezielte Integration von Schülerinnen und Schülern ausländischer Herkunft durch eine zielgerichtete Profilierung der Hauptschulen im dreigliedrigen System erreichen will und damit diese Aufgabe weitgehend auf eine Schulform reduziert, gibt arg zu denken", erklärt Udo Beckmann, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE NRW) anlässlich der heutigen Aktuellen Stunde zur Situation der Hauptschulen. "CDU und FDP gehen offenbar ganz selbstverständlich davon aus, dass Kinder mit Migrationshintergund zwangsläufig Hauptschüler sind und Integration nicht die Aufgabe aller Schulformen ist."
05.04.2006 Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung, Landesverband NRWDieselbe Landesregierung betont in anderen Zusammenhängen immer wieder, dass Schülerinnen und Schüler künftig "begabungsgerecht" einer bestimmten Schulform zugeordnet werden sollen. Offenbar sind Kinder mit Migrationshintergrund grundsätzlich "praktisch begabt" und für die Hauptschule geeignet.
"Ich frage", so Beckmann wörtlich: "wie soll vor diesem Hintergrund die Entkoppelung zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen gelingen?"
Wie genau das Profil der Hauptschule weiterentwickelt werden soll, lässt die Landesregierung bislang offen. Über Bildungsqualität verliert sie kein Wort. Allerdings scheint die Hauptschule ganz selbstverständlich für die Lösung der Probleme zuständig zu sein, die die anderen Schulformen an sie abgeben können.
"Das dreigliedrige System ist von einem ständisch-hierarchisierten Bildungsgedanken geprägt. Es braucht wie eh und je ein Auffangbecken für die Probleme, die noch nicht einmal angegangen werden", so Beckmann weiter. "Mit der heute vorgestellten Profilbeschreibung der Hauptschule hat die Landesregierung dieser Schulform einen Bärendienst erwiesen und zu einer weiteren Stigmatisierung dieser Schulform beigetragen. Das wird die ablehnende Haltung der Eltern gegenüber dieser Schulform noch verstärken."
Der Antrag beider Regierungsfraktionen enthält die Formulierung: "Wer jetzt die Auflösung der Hauptschule fordert, kapituliert vor der Gewalt an Schulen, ohne das Problem zu lösen." Daraus muss man also schließen, dass die Lösung des Gewaltproblems den Hauptschulen vorbehalten sein soll. Dies kommt einem Offenbarungseid gleich.
"Solche Formulierungen machen deutlich, was die Landeregierung wirklich unter einer Qualitätsoffensive Hauptschule versteht", so Beckmann weiter. "Die Hauptschule scheint für die Landesregierung keine Schule zu sein, sondern eine Einrichtung, die schwierige Jugendliche irgendwie durch die Pflichtschulzeit bringt. Sie soll sich in erster Linie mit den Problemen beschäftigen, die gesamtgesellschaftlich nicht gelöst werden können. "
Dass die Hauptschule in ihrer Funktion als "Integrationsmotor" gestärkt werden soll, mag auf den ersten Blick überzeugend klingen. Darin steckt aber auch die Gefahr, dass hiermit eine Schulform vorrangig auf sozialpädagogische Arbeit reduziert wird. Über Bildungsinhalte wird nicht mehr gesprochen. Schule ist aber für die Vermittlung von Bildungsinhalten zuständig. Diese Binsenweisheit gilt für alle Schulformen, was aber bei der Landesregierung offenbar noch nicht angekommen ist.
"Perspektiven für alle Schüler schaffen - Hauptschulen stärken" heißt die vollmundige Überschrift über dem Antrag zur Aktuellen Stunde.
"Mit den vorgetragenen so genannten Perspektiven zeichnet die Landesregierung kein neues Leitbild für die Hauptschule, sondern das alte Leid-Bild", so Beckmann abschließend.
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