Bildungssystem ohne Zukunft?
Der Zeitpunkt für eine zeitgemäße Umgestaltung des Bildungswesens ist jetzt. Welche Bereiche haben Reformbedarf? Von Wassilios E. Fthenakis
18.10.2023 Bundesweit Artikel Meine KitaDie Bildungssysteme stehen gegenwärtig vor den größten Herausforderungen in ihrer Geschichte. Kinder, die derzeit den Kindergarten besuchen, werden ihre Ausbildung erst nach 2040 beenden und in eine tiefgreifend veränderte Welt eintreten, in der sie sich privat wie beruflich bewähren müssen. Es wird eine technologisch durchdrungene, sich schnell verändernde und deshalb auch kaum prognostizierbare Welt sein, in der die jungen Menschen Technologien anwenden, die erst noch erfunden werden, und Berufe ergreifen, die es jetzt noch nicht gibt. Kinder angemessen auf diese Situation vorzubereiten, ist die Aufgabe des Bildungssystems. Damit das deutsche Bildungssystem fit für die Zukunft wird, bedarf es jedoch einer tiefgreifenden Reform. Diese muss die zentralen Aspekte des Bildungssystems umfassen, von denen hier fünf genannt werden:
1. Kompetenzorientierung
Bildungssysteme haben sich in den letzten 200 Jahren vorwiegend über die Bereitstellung und Vermittlung von Wissen legitimiert. Dies allein bietet jedoch keine Perspektive für die Zukunft. Ein reformiertes Bildungssystem fokussiert auf die Stärkung kindlicher Entwicklung und kindlicher Kompetenzen von Anfang an. Kompetenzen entwickeln sich früh, in den ersten Lebensjahren. Daraus folgt, dass die vorschulische Bildung als das Fundament für erfolgreiche Bildungsbiografien anzusehen ist. Und weil Kompetenzen allein über das Bildungssystem nicht hinreichend gestärkt werden können, ist die Einbeziehung von Lernorten außerhalb der Bildungsinstitutionen unverzichtbar. Neue Technologien und offene, kreative Bildungspläne können dazu beitragen. Gegenwärtig wird international eine Debatte darüber geführt, welche der Kompetenzen, die in den Bildungsplänen enthalten sind, auch in Zukunft ihre Bedeutung beibehalten. Diese Debatte über Zukunftskompetenzen muss auch in Deutschland geführt werden, und es müssen Konsequenzen daraus für das Bildungssystem folgen. Es ist zum Beispiel nicht nachvollziehbar, dass jeder von uns täglich Entscheidungen mit ökonomischen Konsequenzen trifft, aber ökonomische Kompetenzen im Bildungssystem nicht gestärkt werden.
2. Umgestaltung des Bildungssystems von unten nach oben
Historisch betrachtet sind Bildungssysteme von oben nach unten konstruiert worden: Erst wurden die Universitäten gegründet, danach kamen die Gymnasien, im 19. Jahrhundert folgte der Kindergarten. Der nötige Paradigmenwechsel führt zu einer Neukonstruktion des Bildungssystems von unten nach oben. Bislang fehlte es dem Bildungssystem an der erforderlichen Konsistenz, bedingt durch die unterschiedliche theoretische wie didaktische Begründung der einzelnen Bildungsstufen. Daher benötigen wir eine neue Bildungsarchitektur, die auf der Grundlage eines neuen Bildungsverständnisses und mithilfe eines reformierten Bildungsplanes über die gesamte Bildungsbiografie den Lernenden in seiner Individualität und nicht die Bildungsstufen in den Mittelpunkt stellt.
3. Lernen als sozialer Prozess
Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse haben zu einem gewandelten Verständnis von Entwicklung und Lernen geführt. Lernen wird nunmehr vorwiegend als sozialer und nicht wie bislang als primär individueller Prozess verstanden. Das Kind generiert in Interaktion und Dialog mit anderen Kindern und Erwachsenen Wissen und erforscht Bedeutung. Dies wird anschließend internalisiert und eventuell umstrukturiert, um vom Kind erneut in Diskurse eingebracht zu werden. Diese Neukonzeptualisierung von Lernen als ko-konstruktiver Prozess bedingt einen veränderten didaktischen Ansatz: Der Selbstbildungsansatz war eine Verirrung des vorigen Jahrhunderts. Kinder lernen vor allem kooperativ und möchten gemeinsam mit anderen Kindern und Erwachsenen Probleme lösen. Eine Neuorganisation des Lernprozesses mithilfe der Ko-Konstruktion ist unverzichtbar. Das hat Konsequenzen für den Bildungsplan und die Gestaltung von Bildungsräumen. Die längst fällige Reform der Professionalisierung der Fachkräfte ist ein Teil dieser nötigen Umgestaltung.
4. Perspektiven durch Technologie
Neue Technologien verändern Bildungssysteme, vor allem aber die Art und Weise, wie wir lernen. Kaum jemand glaubt heute, dass die Bildungssysteme, jetzt und in der Zukunft, ohne den Einsatz neuer Technologien auskommen werden. Verglichen zu anderen Ländern gibt es in Deutschland auf diesem Gebiet viel nachzuholen. Der weit verbreitete Grundsatz „Wir lernen mit allen Sinnen“ reicht für eine moderne Bildung bei weitem nicht mehr aus. Neuere Technologien eröffnen Lerninhalte und Lernprozesse, die allein mit den Sinnesorganen der Lernenden nicht zugänglich gewesen wären, und sie erweitern und vertiefen dadurch den Lernprozess. Die Bildungspläne in Deutschland sind vorwiegend dem analogen Raum verpflichtet geblieben. Sie bedürfen einer dringenden Reform, sodass sie eine produktive und kreative Verbindung zwischen beiden Lernwelten, der analogen und der virtuellen, ermöglichen. Dabei sollte der Stärkung digitaler Kompetenz spätestens ab dem zweiten Lebensjahr zentrale Bedeutung zukommen. Kinder sollten früh lernen, die Chancen neuer Technologien in konstruktiver und verantwortungsvoller Weise zu nutzen.
5. Bildungsföderalismus
Die Bundesrepublik Deutschland kann es sich nicht länger leisten, die Bildung unserer Kinder mit Bildungsplänen zu organisieren, die je nach Bundesland stark in ihrer Qualität schwanken. Die Bemühungen der Bund-Länder-Kommission haben die Angleichung der Bildungspläne nicht erreichen können. Es muss möglich sein, etwa mittels eines Staatsvertrages oder auf anderem Wege, einen hochqualitativen Bildungsplan für alle Kinder in Deutschland zu entwickeln und zu implementieren. Die Zuständigkeit der Länder sollte nicht durch die Konstruktion von Bildungsplänen, sondern in erster Linie durch die Implementation dieses gemeinsamen Bildungsplans definiert werden. Dann ergibt auch ein Wettbewerb zwischen den Ländern seinen Sinn: Welches Bundesland bietet exzellente Rahmenbedingungen, präsentiert innovative Implementationsansätze, qualifiziert am besten seine Fachkräfte? Dieser Wettbewerb verleiht der föderalen Verantwortung eine andere Qualität.
Bildung entinstitutionalisiert sich zunehmend. Diese Destrukturierung des Wissenserwerbs ist die Folge der Internetnutzung und der Globalisierung der Information. Die Kontrolle des Lernens durch den Staat gehört der Vergangenheit an. Die Bildungsinstitutionen laufen Gefahr, eine notwendige, staatlich subventionierte, aber im Wesentlichen ineffiziente und für viele Kinder demotivierende Einrichtung zu bleiben. Dem muss die Politik entgegenwirken, bevor das Bildungssystem zum Verlierer des technologischen Wandels wird.
Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
Meine Kita - das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 3/2023, S. 24-26, www.meine-kita.de
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