Fremdwörter mit Gesten lernen
Mit den Händen ein Dach bilden oder etwas vom Boden aufsammeln – wenn Jugendliche Vokabeln mithilfe von Gesten erlernen, erinnern sie sich langfristig besser an die verschiedenen Wörter. Das zeigt eine Untersuchung der TU Dresden, über die Katharina von Kriegstein, Professorin für Kognitive und Klinische Neurowissenschaft, im Interview berichtet.
27.07.2022 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG, Karoline EstermannFrau Prof. Dr. von Kriegstein, Forschungsergebnisse Ihres Teams zeigen, dass für Motorik zuständige Areale im Gehirn eine wichtige Rolle beim Vokabeln lernen spielen. Was haben Sie herausgefunden?
Bei unserer aktuellsten Untersuchung haben 22 Probanden eine Kunstsprache unter verschiedenen Bedingungen gelernt: einerseits mit Gesten und andererseits mit Bildern, die zu dem Wort passten. Als sie nach einer Woche Training die Vokabeln übersetzen sollten, funktionierte das bei den mit Gesten gelernten Wörtern besonders gut.
Wie lange musste ein Wort mit der Geste geübt werden?
Unsere Probanden haben an vier Tagen je achtmal pro Wort die Geste gemacht. Basierend auf unseren Experimenten würde ich das als grobe Faustregel nennen. Bei unseren Untersuchungen hat das Lernen in Blöcken stattgefunden, aber ich nehme an, dass das genauso gut funktioniert, wenn eine Geste immer mal wieder im Unterricht gemacht wird.
Wie genau könnten Lehrkräfte Gesten im Unterricht nutzen?
Sie sollten eine Geste verwenden, die zum jeweiligen Wort passt. Wir haben beispielsweise für das Wort Haus mit den Händen ein Dach geformt. Nicht immer ist es so einfach, eine passende Geste zu finden. Die Lerntechnik lässt sich aber auch bei abstrakten Wörtern anwenden. Indem die Teilnehmenden unserer Untersuchung so tun mussten, als würden sie etwas einsammeln, lernten sie das Wort „Versammlung“. Beim Wort „Theorie“ mussten sie sich an den Kopf tippen. Wichtig ist, dass die Geste etwas mit dem Wort zu tun hat. Bei unserer Untersuchung haben die Probanden eine Person in einem Video gesehen, die die Gesten vorgemacht und das Wort ausgesprochen hat. Die Bewegungen mussten sie nachmachen, die Wörter haben sie beim Erlernen aber nicht ausgesprochen, weil wir in der Untersuchung explizit die Leistung durch die Geste überprüfen wollten. Nach diesem Beispiel könnte auch im Unterricht die Lehrkraft eine Bewegung vor- und die Schülerschaft nachmachen, wobei sie dort natürlich das Wort aussprechen würden. Das motorische System so einzubeziehen, führt zu einer besseren Lernleistung.
In Ihrer Untersuchung haben Sie 90 Wörter mithilfe von Gesten vermittelt. Sich neben Wörtern auch Gesten zu merken, klingt nicht einfach. Ist der Aufwand gerechtfertigt?
Zu Anfang ist es kein leichteres Lernen. Aber auf lange Sicht ist es effektiver. Wir haben auch Langzeituntersuchungen durchgeführt und nach zwei sowie nach sechs Monaten gemessen, wie gut die Probanden die Vokabeln übersetzen konnten. Die Wörter, die sie mit Gesten einstudiert hatten, haben sie am längsten behalten – obwohl sie zwischendurch nicht geübt haben. Von daher ist es zu Anfang anstrengender, zahlt sich auf lange Sicht aber aus.
Was bedeutet das für den Fremdsprachenunterricht?
Die aktuelle Untersuchung ist Teil eines größeren Forschungsprogramms. Wir haben gezeigt, dass das Gehirn verschiedene Regionen beim Fremdsprachenlernen benutzt – auch die, die für motorische Tätigkeiten verantwortlich ist. Beim Übersetzen der Vokabeln wurde die Hirnregion, die für motorische Funktionen zuständig ist, teilweise so stimuliert, dass sie nicht mehr gut funktioniert. Das verschlechterte die Wiedergabe der Vokabeln und bestätigt im Umkehrschluss ihre Relevanz. Unsere aktuelle sowie die anderen Studien deuten darüber hinaus alle in die gleiche Richtung: Bei jungen Erwachsenen führt das Vokabeln lernen mit Gesten zu deutlich besseren Ergebnissen als das Lernen mit Bildern und das rein auditive Lernen. Deshalb könnte es sinnvoll sein, Gesten ab der 9. Jahrgangsstufe in den Fremdsprachenunterricht einzubinden. Untersuchungen mit Grundschulkindern zeigen hingegen, dass sie mit Gesten genauso gut lernen wie mit Bildern.
An Deutschen Auslandsschulen sprechen die Jugendlichen häufig unterschiedliche Muttersprachen. Lassen sich Fremdsprachen dort durch diese Technik erfolgreich vermitteln?
Die Gesten sind sprachenunabhängig. Jeder kann sich etwas darunter vorstellen, wenn mit den Händen ein Dach geformt wird. Ich glaube auch nicht, dass wir verschiedene Gesten für unterschiedliche Sprachen brauchen, sondern eine einheitliche Geste sogar eine Verknüpfung zwischen den Sprachen darstellen könnte. Dazu haben wir aber bislang keine Forschungen durchgeführt. Die Methode des Lernens basiert übrigens ursprünglich auf der Idee, das Erlernen der Muttersprache mit Gesten nachzuahmen. Die Muttersprache lernen wir ähnlich: Zum Beispiel eignen sich Kinder das Wort „Apfel“ unter anderem an, indem sie in einen Apfel reinbeißen – es also mit einer Geste verbinden.
Hier finden Sie die Gestenvideos aus der Untersuchung der TU Dresden.
Inwieweit wird es weitere Studien dazu geben?
Wir möchten diese Lerntechnik in den Unterricht einbauen – so wie er normalerweise abläuft – statt im sehr kontrollierten Versuchsaufbau. Untersuchungen in den Schulen haben bislang relativ separiert vom alltäglichen Unterricht stattgefunden. Wir möchten herausfinden, wie es funktioniert, wenn Lehrkräfte diese Gesten regelmäßig und fließend in ihren Unterricht einbauen: zum Beispiel, indem sie beim Reden immer wieder eine bestimmte Geste bei einem Wort machen. Langfristig könnte ich mir vorstellen, auf den Grundlagen dieser Forschungen ganze Unterrichtskonzepte zu gestalten, bei denen Gesten in bestehende Lernpläne eingegliedert werden.
Wie sähen die Lernmaterialien aus?
Eine Überlegung wäre, Videos zur Verfügung zu stellen, in dem Gesten gezeigt werden, sodass die Lehrkräfte sich diese nicht selber ausdenken und vormachen müssen. Die Videos könnten den Lehrbüchern beiliegen, sodass die Vokabeln darauf abgestimmt sind. Eine sehr motivierte Lehrkraft könnte das Lernen nach Gesten auch jetzt schon einfach mal ausprobieren und selbst Videos aufnehmen. Wenn sie sich die Gesten ausdenkt, muss sie aber vorher überprüfen, ob diese zum Wort passen. Sie könnte im Kollegium nachfragen, inwieweit auch andere Lehrkräfte die Gesten passend finden.
Die Ergebnisse lassen sich also mit der Digitalisierung verbinden?
Ja, zum Beispiel könnte die Lehrkraft die Gesten digital bereitstellen und ihre Schülerschaft bitten, zu Hause Vokabeln zu lernen. Es gibt dazu weitere Forschungen, geprägt von Dr. Manuela Macedonia, die an der Universität Linz forscht und Untersuchungen mit Avataren durchführt. Das sind digitale Figuren, die als sprachliche Trainer fungieren. So klappt es natürlich auch: Ein virtueller Avatar macht die Gesten vor. Macedonia führt sehr viele Untersuchungen durch, wie diese Lerntechnik digitaler und effektiver gestaltet werden kann. Ich sehe da viel Potenzial für die Zukunft.
Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift „BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 2-2021 veröffentlicht.
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