Rezension

EduAction: ein Plan, die Schulen vom Kopf auf die Füße zu stellen

(Brigitte Schumann) EduAction ist keine Wortspielerei. Es ist ein durchaus passender Titel für ein Buch, das sich nach Aussage seiner Autoren Margret Rasfeld und Peter Spiegel als Plan und Startsignal zur Transformation unseres defizitären Bildungssystems versteht. Beide Autoren haben sich längst einen Namen gemacht als soziale Innovatoren und Netzwerker: Rasfeld als Schulleiterin der Evangelischen Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum und Spiegel als Initiator und Leiter des Berliner Genisis Institute for Social Innovation and Impact Strategies, das die Lösung gesellschaftlicher Probleme mit unternehmerischem Handeln verknüpft.

13.06.2012 Artikel
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Manifest für einen radikalen Aufbruch

Die Einführung in das Buch durch den Hirnforscher Gerald Hüther liefert das Manifest für den radikalen Aufbruch: Unsere Schulen machen krank. Kindern wird die "angeborene Lust am Entdecken und Gestalten und die Freude am Lernen geraubt". In den Schulen werden "die Grundbedingungen für Innovation, nämlich Autonomie, Selbstdenken, Urteilskraft, Persönlichkeitsstärke, Mut, maximale Interdisziplinarität nicht nur vernachlässigt, sondern sträflich unterlaufen". Die Gesellschaft braucht aber immer weniger "Pflichterfüller", sondern " kreative Gestalter, autonome Denker, Menschen mit Rückgrat". Als Neurologe weiß Hüther aber auch, dass das alte Bild von Schule mit den negativen und oftmals leidvollen persönlichen Erfahrungen sich bei vielen Menschen zu einer inneren Überzeugung verdichtet hat und es ihnen deshalb undenkbar erscheint, dass Schulen etwa Lust am Lernen erzeugen können und Kinder und Jugendliche ohne Zwang lernen.

Die Evangelische Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum als Modell

Diesen starren und erstarrten Vorstellungen setzen die Autoren nicht bloß die kritische Theorie einer anderen Schule entgegen. Am Beispiel der Evangelischen Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum veranschaulichen sie den konkreten Gegenentwurf zur Schule des fremdbestimmten Lernens. Rasfeld erklärt in verständlicher Sprache, wie und warum das Lernen an dieser Schule anders organisiert wird, welche positiven Wirkungen dies bei den Beteiligten hat, aber auch, welche schulrechtlichen Rahmenbedingungen dafür gegeben sind. Adressaten des Buches sind gerade auch diejenigen, denen die Vorstellungskraft für eine demokratische und humane Schule fehlt bzw. abhanden gekommen ist. Am Ende wichtiger Abschnitte fordern die Autoren die Leser/innen zur aktiven Beteiligung heraus, indem sie regelmäßig fragen: "Und was ist Ihr EduAction-Plan?" Für die Antworten ist Platz für persönliche Notizen vorgesehen.

Lernen zu handeln

Dies ist eine der drei tragenden Säulen der Schule und bezeichnenderweise wird sie zu allererst benannt und erläutert. Die Schule sorgt dafür, dass die Jugendlichen Möglichkeiten, Zeiten und Orte für "eigenverantwortliches, selbstwirksames, zukunftsorientiertes Handeln" finden, wo "Visionen nicht nur gedacht, sondern auch umgesetzt werden können". Diesem Anspruch wird die Schule in Projekten gerecht, z.B. im Projekt Verantwortung.

Es ist als Fach im Schulcurriculum verankert und verbindlicher Bestandteil des Lernprogramms für die Schülerinnen und Schüler der 7. und 8. Klasse. Zwei Stunden Lernzeit pro Woche werden ihnen für ein festes zivilgesellschaftliches Engagement im Gemeinwesen gegeben. Nicht der Erwerb des Zertifikats über erworbene Kompetenzen, sondern die Erfahrung, gebraucht zu werden und etwas Sinnvolles tun zu können, wirkt als Motivation für persönliches Engagement und reflektiertes Handeln.

In der 8. 9. und 10. Klasse stellt jeder Jugendliche – individuell oder in einer Gruppe – sich einer dreiwöchigen Aufgabe außerhalb Berlins, die für ihn eine persönliche Herausforderung darstellt. Das ist der Kern des Projekts Herausforderung. Die Jugendlichen machen Erfahrungen, bei denen sie über sich selbst hinauswachsen. Eine wunderbare Basis für Selbstwirksamkeit und Verantwortung!

Lernen, Wissen zu erwerben

Im Mittelpunkt der anderen Lernkultur steht das Lernen in eigener Verantwortung. Dies geschieht u.a. im Lernbüro mit Begleitung von Lehrern. Jeden Morgen wählen die Schüler/innen, ob sie eine Doppelstunde lang Mathematik, Englisch, Deutsch oder Natur& Gesellschaft in den jeweiligen Lernbüros lernen möchten. Entsprechend dem Rahmenlehrplan bearbeiten sie vorgegeben Bausteine mit Lernaufgaben im eigenen Tempo und auf unterschiedlichem Niveau. Sie dürfen dort auch zu zweit oder in Teams zusammenarbeiten. Die Anzahl der Bausteine pro Schuljahr richtet sich wiederum nach dem Rahmenlehrplan. Die Schüler/innen melden sich an, wenn sie zu ihrem Baustein den Test ablegen wollen.

Diese faszinierende Methode des Offenen Lernens hat die Schule nicht erfunden, aber sie wird hier konsequent eingesetzt und im Buch ausführlich erläutert. Bis Klasse 9 gibt es keine Noten, stattdessen aber eine regelmüßige tutorielle Beratung für jeden Schüler durch einen Lehrer sowie sogenannte Bilanz- und Zielgespräche mit dem jeweiligen Jugendlichen und den Erziehungsberechtigten.

Zur Beruhigung all derer, die befürchten, dass unter solchen Umständen die Jugendlichen zu wenig lernen, verweist die Schule darauf, dass sowohl bei den landesweiten zentralen Abschlussprüfungen als auch bei den VERA-8- Vergleichsarbeiten die Schülerinnen und Schüler überdurchschnittlich gut abgeschnitten haben. Ihre fachlichen und überfachlichen Kompetenzen stellen die Jugendlichen bei den pädagogischen Fortbildungen, die sie für Lehrerinnen und Lehrer geben, unter Beweis.

Lernen, zusammen zu leben

Hier bekennen sich die Autoren eindeutig zu einer Schule für alle. Es gilt aus ihrer Sicht, das "elitäre Kastendenken, das Kinder als Hauptschüler und Gymnasiast etikettiert", zu überwinden. Die Schule der Zukunft ist inklusiv und nutzt "Heterogenität als Schatzkiste der Talente". "Wie wollen wir das Zusammenleben in der einen Welt lernen, wenn wir unseren Kindern nicht die Erfahrung ermöglichen, dass in der Vielfalt ungeheure Potentiale stecken?" Damit ist die grundsätzliche Haltung und das Gesellschafts- und Menschenbild der beiden Autoren umrissen.

Wer noch Zweifel hatte, weiß jetzt, dass die Innovatoren nicht die Entwicklung von privaten Eliteschulen befördern wollen. Sie verstehen sich nicht als "Fluchthelfer" für den Nachwuchs aus statushohen Elternhäusern, die ihre Kinder vor den "Schmuddelkindern" bewahrt wissen wollen. Auch die Evangelische Gemeinschaftsschule steht allen Kindern offen, unabhängig von ihrer konfessionellen, sozialen, ethnischen Herkunft oder ihrer Behinderung. Sie kann aber nicht ganz den Effekt der privaten kirchlichen Trägerschaft verleugnen, der dazu führt, dass die Schule gemessen an Berliner Verhältnissen über eine eher sozial begünstigte Schülerschaft verfügt.

Mit dem Projekt Sprachbotschafter, das über Berlin hinaus Nachahmung findet, schlägt die Schule eine Brücke zu den Grundschulen in sozialen Brennpunkten. Schülerinnen und Schüler der Evangelischen Schule leisten dort im Projekt Verantwortung keine übliche Nachhilfe. Die Sprachförderung läuft über Beziehungslernen beim Spielen, Vorlesen, Experimentieren oder z.B. beim Spaghettikochen.

Transformationsstrategie

Leuchtturmschulen, so die Autoren, sind keine hinlängliche Voraussetzung für einen Durchbruch zu einer nachhaltigen Veränderung in der Fläche. Es soll deshalb eine permanente Mobilisierungskampagne in Gang gesetzt werden. Über eine Internetplattform sollen ausgewählte bildungsinnovative Projekte öffentlich gemacht werden. "mit jeweils sehr konkreten Vorschlägen, wie jeder Bürger diese Projekte bei ihrer möglichst raschen flächendeckenden Ausbreitung unterstützen kann – von der einfachsten Form von Spenden über die Verbreitung der Idee als Botschafter bis zur Unterstützung durch persönliches Engagement im Projekt selbst". Die Versicherungsgruppe Ergo Direkt hat zugesagt, Mitarbeiter, Kunden und ein Netzwerk von Organisationen für dieses Vorhaben zu gewinnen.

Schulen, die sich auf den radikalen Reformweg begeben wollen, brauchen nachhaltige Unterstützung. Eine "Box for change" soll Orientierungshilfen geben, eine Ausbildung für Schulbegleiter/innen, hier Potentialentwickler/innen genannt, soll gestartet werden. Partner aus der Wirtschaft sollen die Prozessbegleitung finanzieren.

Das strategische Konzept für den radikalen Veränderungsprozess bleibt an vielen Stellen noch in Andeutungen stecken. Es setzt auf die Initiative von unten, auf Zivilgesellschaft und auf soziale Unternehmen. Die Rolle der politischen Akteure auf der Ebene des Bundes, der Länder und der Kommunen bleibt unerwähnt. Man wird gespannt sein über die Entwicklung. Es wäre mehr als wünschenswert, wenn daraus ein gangbarer Weg zu einer radikalen Demokratisierung der inneren und äußeren Strukturen des öffentlichen Schulsystems wird. Eine Verstärkung des Trends zur Privatschule wäre dagegen kontraproduktiv.

Margret Rasfeld / Peter Spiegel: EduAction. Wir machen Schule. Hamburg 2012

Zur Person

Dr. Brigitte Schumann war 16 Jahre Lehrerin an einem Gymnasium, zehn Jahre Bildungspolitikerin und Mitglied des Landtags von NRW. Der Titel ihrer Dissertation lautete: "Ich schäme mich ja so!" - Die Sonderschule für Lernbehinderte als "Schonraumfalle" (Bad Heilbrunn 2007). Derzeit ist Brigitte Schumann als Bildungsjournalistin tätig.


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