Meidinger

Methodisch verengter Ansatz führt zu falschen Ergebnissen!

Einen methodisch sehr verengten und damit die Schulrealität nur unzureichend erfassenden Ansatz, um Aufstiege und Abstiege im deutschen Schulsystem darzustellen, hat der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, den Auftraggebern und Verfassern der Bertelsmann-Studie "Schulformwechsel in Deutschland" vorgeworfen. Deshalb sei die Kernaussage, es gebe in Deutschland doppelt so viele Absteiger wie Aufsteiger auch schlicht und ergreifend falsch.

30.10.2012 Pressemeldung Deutscher Philologenverband (DPhV)

"Obwohl die Studie ausdrücklich konstatiert, dass sich in Deutschland zunehmend Schulform und Schulabschluss entkoppeln, beschränkt sie sich bei der Feststellung des schulischen Auf- und Abstiegs nur auf die Gruppe der Schulformwechsler in den Jahrgangsstufen 5 bis 10. Dabei wissen wir, dass der Hauptweg des schulischen Aufstiegs in Deutschland der vertikale Aufstieg nach einem Schulabschluss ist. 30 Prozent der Hauptschüler erwerben nach dem Hauptschulabschluss noch die Mittlere Reife und über ein Drittel der Realschüler über berufliche Schulen oder den Einstieg in gymnasiale Oberstufen noch das Abitur. Diese Aufstiege blendet die Studie einfach aus!", so der Bundesvorsitzende.

Meidinger machte dies an einem Beispiel fest: "Wenn ein Gymnasiast in der Mittelstufe das Gymnasium in Richtung Realschule verlässt, gilt er der Bertelsmann-Studie nach als 'Abgeschulter', auch wenn er durch den Wechsel erst die Mittlere Reife schafft und dann noch ein Abitur an einer beruflichen Oberschule draufsetzt. Ein Schulformwechsel kann eben auch positive Auswirkungen haben! Nicht jeder Wechsel in eine angeblich niederere Schulart ist ein Abstieg."

Schulische Abstiege in Gesamtschulen ausgeblendet

Ein Mangel der Studie sei es auch, dass Auf- und Abstiege innerhalb von deutschen Gesamtschulen nicht erfasst würden, somit erwecke die Studie den Eindruck, es gebe Auf- und Abstiege nur im gegliederten Schulwesen. Tatsache sei aber, dass durch massive Abstufungen im dortigen Kurssystem rund ein Drittel der Schüler in Kursen lande, die letztendlich zu niedrigeren Bildungsabschlüssen führten.

Freigabe des Elternwillens führt zu mehr Schulformwechslern

Der DPhV-Vorsitzende warf den Machern der Studie auch vor, naheliegende Schlüsse aus ihren eigenen Studienergebnissen nicht zu ziehen: "Die Bertelsmann-Studie zeigt klar, dass der Verzicht auf Eignungskriterien beim Übergang auf Realschulen und Gymnasien eindeutig zu einer höheren Quote von abstufenden Schulformwechslern führt. Nicht umsonst ist Bayern das einzige Bundesland mit mehr Aufsteigern als Absteigern bei Schulformwechseln. Alle Untersuchungen zeigen, nicht gymnasialempfohlene Schüler haben ein erheblich höheres Risiko, den anvisierten Abschluss nicht zu erreichen als ihre Mitschüler mit Empfehlungsvermerk."

Als durchaus bedenkenswerten Hinweis der Studie wertet der DPhV-Vorsitzende, dass nur in Ländern, in denen ein nennenswerter Teil der Schüler noch Hauptschulen besucht, ausreichende Aufsteigerpotenziale zur Verfügung stehen: "Landesregierungen, die ihre Hauptschulen zu Restschulen werden ließen, brauchen sich über fehlende Schulformwechsler nach oben nicht zu wundern!"

Nicht jeder Schulformwechsel von Gymnasium zu Realschule ist schlecht!

Abschließend stellte der Verbandsvorsitzende die Grundannahme der Studie nochmals in Frage. Nicht jeder Schulformwechsel sei schlecht. Sehr viele, vielleicht aufgrund des Überehrgeizes ihrer Eltern an einer Schulart angemeldeten und dort überforderten Schüler hätten in der Vergangenheit durch einen Schulformwechsel nicht nur neues Selbstbewusstsein und neue Lernmotivation gewonnen, sondern auch den Grundstein für eine zukünftig erfolgreiche Schulkarriere gelegt. Die verdeckte Grundtendenz der Studie, Schulformwechsler als Schulversager und Gescheiterte zu klassifizieren, werde durch die Schulrealität tagtäglich widerlegt.


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