Schlechtere Noten für Kevin?
(red/idw) "Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose!" So lautete im vergangenen Jahr das griffig formulierte [Ergebnis einer Studie der Oldenburger Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Astrid Kaiser von der "Arbeitsstelle für Kinderforschung"](http://bildungsklick.de/a/69965/ungleiche-bildungschancen-schon-durch-vornamen/). Sie wollte mehr über Vorurteile von Lehrern herausfinden. Tatsächlich führen bestimmte Vornamen bei vielen Lehrern zu Vorannahmen, was die Fähigkeiten und das Verhalten der Kinder betrifft. Die Folgen, die diese Vorurteile für die Kinder haben, wurden dabei allerdings nicht untersucht. Jetzt liegen auch dazu Ergebnisse vor.
24.08.2010 Artikel"Vornamengebundene Vorurteile von Grundschullehrerinnen und – lehrern", so lautet der Titel einer Masterarbeit von Kirsten Becker, Pädagogikstudentin an der Universität Oldenburg, die den Zusammenhang von Vornamen und Notengebung analysiert. Becker untersuchte, ob die Nennung verschiedener Vornamen bei derselben Schülerleistung die Bewertung der Lehrer beeinflusst. "Bekommen Schüler bessere Noten, nur weil sie Maximilian und Charlotte anstatt Kevin und Celina heißen?" verdeutlicht Prof. Dr. Astrid Kaiser den Forschungsansatz.
"Die Untersuchung zeigt, dass die Ergebnisse vielschichtig und bei weitem nicht so eindeutig sind, wie dies bei der Vorgängerstudie der Fall war", erklärt Kaiser. "Allerdings konnten wir feststellen, dass die Arbeitsergebnisse von Schülern mit negativ konnotierten männlichen Vornamen eine schlechtere Bewertung durch die Lehrer erhielten, als die gleichen Ergebnisse durch positiv konnotierte Vornamen."
Basis der Forschungsarbeit bildet die Klassikerstudie "Über die Zuverlässigkeit von Zifferbenotung bei Aufsätzen" des österreichischen Pädagogen Rudolf Weiss aus dem Jahre 1965. In seiner empirischen Studie stellte er fest, dass Schüler für den gleichen Aufsatz unterschiedliche Noten bekamen, wenn die soziale Herkunft des Kindes positiv oder negativ beschrieben wurde. Die Masterarbeit der Universität Oldenburg untersucht dieses Thema nun anhand der Nennung verschiedener Vornamen. Über 200 Grundschullehrer bewerteten schriftliche Aufgabenlösungen von Kindern – dabei waren dieselben Lösungen mal mit negativ, mal mit positiv etikettierten Vornamen belegt. Die Lehrer mussten die Antwortvorgaben aus dem Bereich Sachunterricht auf "Rechtschreibung", "Stil", "Inhalt" und "Gesamtnote" auf einer Punkteskala zwischen 1 und 10 bewerten.
"Zunächst einmal zeigt die Untersuchung, dass die Notengebung bei offenen Antwortmöglichkeiten wenig objektiv ist", erklärt Kaiser. Obwohl die Antworten gleich waren, variierten die Bewertungen durch die Lehrer oftmals um neun Bewertungspunkte. Dies lasse darauf schließen, dass das Problem der objektiven Benotung nicht in den unterschiedlichen Vornamen begründet sei, sondern in der unterschiedlichen Wahrnehmung derselben Leistung durch die Versuchspersonen. Allerdings könnten diese Tendenzen durch den Namen noch zusätzlich modifiziert werden, so die Oldenburger Pädagogin.
Bessere Noten für Maximilian
"Aufgaben, die unter dem Namen Maximilian verfasst wurden, erhielten zum Beispiel eine bessere Bewertung als die gleichen Aufgaben unter dem Namen Kevin. Insgesamt wurden bei Aufgaben mit Namensnennungen aus dem negativ bewerteten Namenspool bei Jungen eine durchweg schlechtere Bewertung durch die Lehrer vergeben", berichtet Kaiser.
Ebenfalls war eine deutliche Geschlechterdifferenzierung in der Studie festzustellen: Bei weiblichen Vornamen gab es sogar Vorteile bei der Vergabe von Noten, wenn es sich um negativ etikettierte Vornamen handelte. Dies führt die Oldenburger Pädagogin auf die Stärke des Vorurteils zurück: "Weibliche Vornamen wurden in der ersten Namensstudie bei weitem nicht so negativ bewertet wie die männlichen", so Kaiser. Jungen gegenüber hätten die Lehrer wohl mehr Vorbehalte, und diese wirkten sich direkt auf die Notengebung aus. Das generelle Leistungsproblem von Jungen in der Schule könne deshalb auch mit einem Wahrnehmungsproblem durch die Lehrer zusammenhängen.
"Insgesamt konnten wir feststellen, dass Jungen aufgrund eines vorurteilbehafteten Namens schlechter bewertet werden als Mädchen. Zudem spiegelt sich die Namenswahl und die Vorurteile, die durch sie entstehen, in der Benotung wider", stellt die Oldenburger Pädagogin fest. Allerdings seien die Unterschiede in der Notengebung so marginal, dass sie im Schulnotensystem nicht einmal eine viertel Note ausmachten. Die Ergebnisse der Studie könne jedoch die Lehrer nochmals dazu animieren, ihre eigenen Vorurteile zu überprüfen, so dass sie sicher seien, dass der Name, ob positiv oder negativ etikettiert, keine Auswirkung auf die Notengebung habe.
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