Forschungsstudien

Schule als Ort des Misserfolgs

(von Brigitte Schumann) Drei Forschungsstudien aus jüngerer bzw. jüngster Zeit liefern - unabhängig voneinander - zentrale diagnostische Befunde, die übereinstimmend und sich gegenseitig verstärkend auf eine bedrohliche gesellschaftliche Spaltung und "Demokratieentleerung" in Deutschland hinweisen. Die Studien weisen nach, dass unter den gesellschaftspolitischen Bedingungen wachsender sozialer Ungleichheit Angehörige der oberen sozialen Schichten zunehmend sozial schwache Bevölkerungsgruppen ausgrenzen. Die sozial "abgehängten" Schichten reagieren auf den Verlust sozialer Teilhabe und dem daraus resultierenden Mangel an politischen Wirksamkeitsüberzeugungen mit Hoffnungslosigkeit und Desinteresse an politischer Partizipation.

02.05.2012 Artikel

Dass mit wachsender Ungleichheit in Deutschland auch die Zahl der Menschen in sozial benachteiligten und prekären Lebenslagen zunimmt, ist eine bekannte Tatsache. Neu ist in diesem Zusammenhang, dass Angehörige der oberen Einkommens- und Statusgruppen im Umgang mit sozial Schwachen rechtspopulistische Einstellungen zeigen.

"Ideologie der Ungleichwertigkeit"

Prof. Wilhelm Heitmeyer, Leiter für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, hat seit 2000 im Rahmen einer zehnjährigen Langzeitstudie Erscheinungsweisen, Ursachen und Entwicklungen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Deutschland erforscht und die Ergebnisse unter dem Titel "Deutsche Zustände" jährlich veröffentlicht. In seinem zehnten Band stellt er 2010 heraus, dass in zunehmendem Maße Angehörige der oberen Schichten eine geringe Bereitschaft zur Unterstützung schwacher Gruppen zeigen und ihre Privilegien mit der Stigmatisierung dieser Gruppen verteidigen. Auch namhafte Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Medien, Kultur und Wissenschaft macht Heitmeyer verantwortlich für die Verbreitung der "Ideologie der Ungleichwertigkeit" und für "einen semantischen Klassenkampf" von oben gegen "die da unten". Es gibt keine Scheu, im Jargon der Verachtung sich über Hartz IV- Empfänger, Langzeitarbeitslose und Migranten auszulassen und damit soziale Ungleichheit offensiv zu legitimieren. Sarrazins Thesen gegen Migranten und die mediale Aufmerksamkeit, die man ihm dafür gewidmet hat, bezeugen dies.

Wie ticken Jugendliche?

Das Heidelberger SINUS-Institut für Markt- und Sozialforschung hat unter anderem im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung Lebenswelten von Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren erforscht und die Ergebnisse unter dem vielsagenden Titel "Wie ticken Jugendliche" 2012 veröffentlicht. Es ist eine qualitative Grundlagenstudie, die Jugendliche aus allen Milieus authentisch zu Wort kommen lässt: in Einzelinterviews, mit eigenen schriftlichen Aufzeichnungen und Fotos von ihren Zimmern.

Die Forschergruppe kommt zu ähnlich alarmierenden Ergebnissen wie Heitmeyer. Sie kann nachweisen, dass die soziale Ungleichheit zu sozialer Spaltung unter den Jugendlichen führt. Jugendliche aus den oberen sozialen Schichten grenzen sich von sozial benachteiligten Jugendlichen ab. Sie werfen ihnen Faulheit, Mangel an Leistungsbereitschaft und an Eigenverantwortung vor. "Abgehängte Jugendliche" aus dem prekären Milieu reagieren darauf mit Resignation und Pessimismus. Sie erleben vor allem Schule als Ort des Konflikts, des Misserfolgs und der Demütigung.

Deckungsgleich zeigt sich bei Erwachsenen und Jugendlichen aus begünstigten Milieus die tendenzielle Bereitschaft, anstelle des Solidarprinzips gnadenlos das Selbstverschuldungsprinzip gegen leistungsschwächere Gruppen anzuwenden. Die gesellschaftliche Lektion ist bei den Jugendlichen angekommen. Sie haben die Abwertungsmuster ihrer sozialen Milieus und der "rabiaten Elite" übernommen und vollziehen sie in ihren Einstellungen nach.

Bildung: entscheidende Faktor für Partizipation

Die Otto Brenner Stiftung hat in einem Projekt "soziale Ungleichheit und politische Partizipation in Deutschland" erforschen lassen und die Ergebnisse im Februar 2012 veröffentlicht. Der Autor Sebastian Bödeker weist nach, dass Bildung in Verbindung mit dem sozioökonomischen Status der entscheidende Faktor für politische Wirksamkeitsüberzeugung und Partizipation ist. Je prekärer die Lebenslage, desto weniger Beteiligung. Das gilt für Wahlen, aber auch in einem noch stärkeren Maße für nicht institutionalisierte Partizipationsformen wie Proteste. Seine zentrale These lautet, dass aufgrund der sozialen Bedingtheit politischer Partizipation unter den Bedingungen sozialer Ungleichheit in Deutschland das demokratische Prinzip der politischen Gleichheit ausgehöhlt wird. "Das strategische Handeln von politischen Eliten, die um die soziale Verzerrung der Wahlbeteiligung wissen, kann somit insgesamt zu einem System der Interessenvermittlung zu Lasten der sozial Schwachen führen", so der Autor.

Die sozial selektiven Effekte bei Wahlen konnte sich z.B. die elitäre Elterninitiative "Wir wollen lernen" beim Hamburger Volksentscheid zunutze machen. Sie konnte u. a. wegen der geringen Wahlbeteiligung benachteiligter Bevölkerungsgruppen die Verlängerung der Grundschulzeit von vier auf sechs gemeinsame Jahre verhindern. Dieser kleine Schritt zu mehr Bildungsgerechtigkeit für Kinder der unteren sozialen Schichten scheiterte am Eigennutz von Angehörigen der oberen sozialen Schichten.

Angesichts der alarmierenden Befunde muss beunruhigen, dass die Politik im Zeichen der Menschenrechtskonvention Inklusion als gesellschaftliches Ziel zwar verbal willkommen heißt, aber vor inklusionsfeindlichen gesellschaftlichen Strukturen, Praktiken und Gruppeninteressen kapituliert, die Ungleichheit und Spaltung fördern. Dies zeigt sich besonders deutlich in der Bildungspolitik: Das gegliederte Schulsystem reproduziert soziale Ungleichheit, fördert soziale Spaltung durch Segregation, entlässt eine große Zahl an Jugendlichen bildungsarm und perspektivlos in die Gesellschaft und unterhöhlt damit die Demokratie. Dennoch scheut die Politik vor bildungspolitischen Konsequenzen zurück, die mit der Bildungsprivilegierung von Kindern aus den oberen sozialen Schichten brechen.

Literaturangaben:

Sebastian Bödeker: Soziale Ungleichheit und politische Partizipation in Deutschland

Marc Calmbach et al.: Wie ticken Jugendliche? 2012. Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 -17 Jahren in Deutschland. Durchführendes Institut: SINUS Markt-und Sozialforschung GmbH Heidelberg und Berlin. Verlag Haus Altenberg

Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.) : Deutsche Zustände. Folge 10. Edition Suhrkamp 2010

Zur Person

Dr. Brigitte Schumann war 16 Jahre Lehrerin an einem Gymnasium, zehn Jahre Bildungspolitikerin und Mitglied des Landtags von NRW. Der Titel ihrer Dissertation lautete: "Ich schäme mich ja so!" - Die Sonderschule für Lernbehinderte als "Schonraumfalle" (Bad Heilbrunn 2007). Derzeit ist Brigitte Schumann als Bildungsjournalistin tätig.


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