Sprachkompetenz ist die Basis für schulischen Erfolg
(kg) Kinder nicht deutscher Herkunft sowie aus sozial schwachen Familien haben es im hiesigen Schulsystem besonders schwer. Dies verdeutlichen die Ergebnisse der zweiten PISA-Studie. Den meisten Schülern "bildungsferner" Elternhäuser bleibt nur die Perspektive Hauptschule, die sie in vielen Fällen ohne Abschluss verlassen. Arbeitslosigkeit und die Abhängigkeit von Sozialhilfe drohen. Wie wichtig sprachliche Förderung und soziales Umfeld für die Entwicklung der Schüler sind, zeigen exemplarisch zwei Berliner Grundschulen.
22.02.2005 ArtikelWenn Yasar erzählt, "einer hat mich geschlagt", weiß seine Deutschlehrerin nicht sofort, was er meint. "Schlagen kann Berühren, Stoßen oder Anfassen heißen", berichtet Uta Ströhmann. Sie unterrichtet eine Gruppe mit acht Erstklässlern im Fach Deutsch als Zweitsprache (DaZ). Es sind die Sprachschwächsten ihres Jahrgangs in der Carl Craemer Grundschule in Berlin-Wedding. Pro Woche stehen bei ihnen zwei zusätzliche DaZ-Stunden auf dem Plan.
Mitten im Soldiner Kiez gelegen, befindet sich diese Schule in einem Problemviertel der Stadt: 20% der Bewohner leben von Sozialhilfe, 40% sind Nichtdeutsche. Von den 400 Schülern der Grundschule sind über 90% nicht deutscher Herkunft, sie stammen aus 32 verschiedenen Nationen, aus arabischen, afrikanischen und osteuropäischen Ländern. "Fast alle Schüler brauchen zusätzlichen Sprachförderunterricht", so Ströhmann. In der ersten Klasse vermittelt sie den Schülern vor allem Grundlagen - wie man sich begrüßt, wie die Stifte in ihren Federtaschen heißen, wie sie Fragen stellen und einfache Satzstrukturen bilden. Die einzelnen Satzbausteine werden zum leichteren Erlernen durch Formen dargestellt. So stehen Nomen auf Rechtecken, Verben auf Ovalen und Adjektive auf Dreiecken.
Sprachförderung auch für deutsche Kinder
Neben dem Daz-Unterricht, der von der ersten bis zur vierten Klasse stattfindet, besuchen Schüler, die vor ihrer Einschulung im Sprachtest "Deutsch Plus" schlecht abgeschnitten haben, zusätzlich zehn Wochenstunden Sprachförderunterricht. In der fünften und sechsten Klasse wird die Sprachkompetenz in den Fächern themengebunden gefördert. "Nicht nur Schüler nicht deutscher Herkunft haben Sprachdefizite, sondern auch deutsche Kinder", berichtet Ströhmann, die DaZ-Verantwortliche der Carl Craemer Schule. So gibt es deutsche Schüler, die nicht alle Monatsnamen kennen und auch nicht wissen, wann sie Geburtstag haben.
Aufgrund der geringen Kenntnisse der Schüler sind die Lehrer gezwungen, ihren Unterricht dem vorhandenen Wissensstand anzupassen. "Fast jede Stunde wird zum DaZ-Unterricht, wir müssen uns auf das Wesentliche konzentrieren, kompliziertere Sachverhalte werden zurückgestellt", erörtert die Lehrerin. Das Hauptproblem sieht Ströhmann in bildungsfernen Elternhäusern. Vielen Eltern fehle die Einstellung, dass es ihren Kindern später besser gehen solle, sie nutzen auch nicht die Chance, mit ihren Jüngsten zu lernen, um ihre eigenen Deutschkenntnisse zu verbessern: "Wenn Bildung in der Familie keine Rolle spielt und Kinder nicht unterstützt werden, haben sie in der Schule große Schwierigkeiten."
Damit alle Schüler am Unterricht teilnehmen können, sollten sie bereits vor der Schule ausreichend Deutsch können. Ströhmann zufolge müsste die Sprachförderung be¬reits in den Kindertagesstätten stattfinden. Sie befürwortet das Ganztagsmodell, weil Schüler hier acht Stunden pro Tag von der deutschen Sprache umgeben sind, Hausaufgaben mit Betreuung erledigt werden können und zusätzliche Freizeitangebote den Austausch verschiedener Kulturen fördern. Die Carl Craemer Schule ist seit Beginn des Schuljahrs 2004/2005 eine gebundene Ganztagsgrundschule mit künstlerischem Schwerpunkt. "In diesem sozialen Umfeld gibt es keine Integrationsmöglichkeiten, die Kinder nicht deutscher Herkunft leben in Parallelgesellschaften", erklärt die Schulleiterin Christine Frank-Schild. Die Zahlen der Kopftuch tragenden Mütter sowie der Schüler, die zusätzlich eine Koranschule besuchen, habe in den letzten fünf Jahren stark zugenommen.
Mehr als 30 Jahre Erfahrung
Gute Erfahrungen mit dem Ganztagsbetrieb hat auch die Schwielowsee-Grundschule in Berlin-Schöneberg gemacht. Sie wurde 1974 als erste Ganztagsgrundschule in West-Berlin errichtet. Von 420 Schülern sind heute 53% nicht deutscher Herkunft. Insgesamt nutzen etwa die Hälfte dieser Kinder das offene Ganztagsangebot der Schule. "Schüler anderer Nationen profitieren davon, sie sind viel weiter als Kinder, die halbtags zur Schule gehen", berichtet die Schulleiterin Marion Dießelberg. Gemeinsam mit den Kollegen hat sie sich in den vergangenen 30 Jahren dafür eingesetzt, dass auch Kinder nicht deutscher Herkunft von acht bis 16 Uhr in der Schule lernen, betreut und gefördert werden. "Wir mussten viel Überzeugungsarbeit bei den Eltern leis¬ten, nicht allen war klar, dass es gut für ihr Kind ist, länger in der Schule zu bleiben, obwohl die türkische Mutter zu Hause ist und gutes Essen kocht", berichtet Dießelberg.
Ihre Schule bietet sprachschwachen Schülern von der ersten bis zur vierten Klasse vier bis fünf DaZ-Stunden pro Woche, in der fünften und sechsten Klasse gibt es zwei Förderstunden. Schüler mit großen Schwierigkeiten besuchen bis zur dritten Klasse eine Sprachförderklasse und wechseln anschließend in eine Regelklasse. Vorschulkinder, die im Sprachtest schlecht abschneiden, besuchen bereits vor Schulbeginn wöchentlich einen zehnstündigen Sprachunterricht.
Alle können profitieren
Im Umfeld der Schwielowsee-Grundschule wohnen mehrheitlich Eltern, die an der Entwicklung ihrer Kinder interessiert sind - unabhängig von ihrer Herkunft. Zudem legen viele deutsche Familien großen Wert darauf, dass ihre Töchter und Söhne gemeinsam mit Kindern aus anderen Kulturkreisen aufwachsen. "Für uns ist das Zusammenleben mit verschiedenen Nationen eine Bereicherung", sagt die Schulleiterin.
Die Integration von Schülern nicht deutscher Herkunft läuft an der Schwielowsee-Grundschule sowohl über den Spracherwerb als auch über einen gegenseitigen Austausch. Bereits in der Vorklasse wird ein internationales Frühstück veranstaltet, bei dem jedes Kind alle Klassen-kameraden zu sich nach Hause einlädt. Auch in den Unterrichtsstunden und am Nachmittag sind die verschiedenen Nationalitäten präsent. "Bei Bäumen geht es nicht nur um die deutsche Eiche, sondern auch um die Gewächse anderer Länder", berichtet die Freizeitbereichsleiterin Anne Niemeier-Schroeder.
Doch für das Miteinander verschiedener Kulturen gibt es an der Schwielowsee Schule auch Regeln: Kopftücher sowie religiöse Symbole gehören nicht in die Schule. "Sie behindern die Chancengleichheit und die Integration", begründet Dießelberg. Gute Integrationsmöglichkeiten sieht sie, wenn der Anteil von Schülern nicht deutscher Herkunft bei 30 bis 40% liegt. "Sind es über 50%, funktioniert es nicht", meint die Schulleiterin.
Fazit
Ein bildungsfernes Elternhaus und mangelnde Deutschkenntnisse sind oft die Ursachen schlechter Noten. Ganztagsschulen erleichtern auch Kindern nicht deutscher Herkunft die erfolgreiche Teilnahme am Unterricht, weil sie sich nicht nur vormittags mit der deutschen Sprache auseinander setzen müssen. Auch deutsche Kinder können von gemischten Grundschulen profitieren - nicht nur, weil sie frühzeitig mit verschiedenen Kulturen in Kontakt kommen.
Ansprechpartnerin
Marion Dießelberg
Schulleiterin
Schwielowsee-Grundschule
Monumentenstraße 13a
10829 Berlin
Telefon: 0 30-75 60-71 54
Fax: 0 30-75 60-60 04
www.schielowsee-grundschule.de
Erstveröffentlichung:
Klett Themendienst
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