Wissenschaftler fordern längeres gemeinsames Lernen
(red/idw) Wissenschaftler der Universität Bern sind der Frage nachgegangen, warum so wenige Migrantenkinder studieren. Das Ergebnis: Entscheidend ist oftmals die schwache finanzielle und kulturelle Ausstattung des Elternhauses. Ihre Forderungen: mehr Sprachförderung und längeres gemeinsames Lernen.
21.06.2011 ArtikelMigrantenkinder erbringen im Schnitt keine schlechteren schulischen Leistungen als einheimische Kinder, so die Studie des Bildungssoziologen Rolf Becker von der Universität Bern. Trotzdem sind sie auf Gymnasial- und Hochschulstufe unterrepräsentiert. Die Gründe, das zeigt die vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) unterstützte bildungssoziologische Studie, sind nicht Diskriminierung durch die Lehrer oder die Schule, sondern oftmals die schwache finanzielle und kulturelle Ausstattung des Elternhauses.
Das Schweizer Bildungssystem steht nicht allen Jugendlichen gleichermaßen offen. Kinder von Akademikern und vermögenden Eltern erwerben viel häufiger einen höheren Bildungsabschluss als Kinder von Migranten und aus den Unterschichten. Diese Tatsache verletze nicht nur die in der Verfassung festgehaltene Chancengleichheit. Sie sei zudem volkswirtschaftlich schädlich, weil sie dazu führe, dass leistungsfähige Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern ihr Potenzial nicht entfalten können. Das, so die Wissenschaftler, käme Schweiz deutlich häufiger vor als in einigen Nachbarstaaten.
Das größere Risiko, in der Sonderschule zu landen Migrantenkinder sind im Bildungssystem im Nachteil Dabei variieren die Unterschiede zwischen den Nationalitäten stark. Die aus Deutschland, Frankreich und Österreich stammenden Kinder sind aufgrund ihres vorteilhaften sozioökonomischem Hintergrunds oftmals erfolgreicher als einheimische Kinder. Die deutlichen Nachteile der Migrantenkinder aus der Türkei, aus Portugal oder vom Balkan ergeben sich laut Studie nicht durch Diskriminierung durch die Lehrer. Sie werden von den Lehrern aufgrund ihrer tatsächlichen Leistungen gerecht benotet und nicht von vornherein als "Problemfälle" etikettiert und stigmatisiert.
Eltern wünschen besseren Schulabschluss
Die Gründe für die Nachteile sind oftmals die schwache finanzielle und kulturelle Ausstattung des Elternhauses sowie Sprachprobleme. Dabei besitzen viele der Eltern den deutlich stärkeren Wunsch als einheimische Eltern, dass ihre Kinder die Matura machen – in den Kantonen Bern und Zürich sind dies über 87%. Bei den einheimischen Eltern sind es nur 69%. Trotzdem sind viele Migrantenkinder einem knapp dreimal größeren Risiko ausgesetzt als einheimische Kinder, in einer Sonderschule unterrichtet zu werden, und einem zwei- bis dreimal höheren Risiko, keine Lehrstelle zu finden oder keine nachobligatorische Berufsausbildung abzuschließen. Migrantenkinder sind an den Universitäten unterrepräsentiert. Ihr Anteil an den Absolventen liegt schweizweit bei 5%, obschon sie im Schnitt keine schlechteren schulischen Leistungen erbringen als die Einheimischen.
Schulische Selektion erfolgt zu früh
Rolf Becker empfiehlt erstens, die Sprachprobleme der Migranten- und der Unterschichtkinder zu beheben. Diese sollten möglichst vor der Einschulung in der jeweiligen Landessprache gefördert werden. Im Kanton Zürich besuchten 1998 rund 6% der Migrantenkinder das Gymnasium. Hätte man ihre Leistungen in Deutsch verbessert, hätte sich der Anteil, wie die statistischen Berechnungen nahelegen, verdoppelt. Man könnte so auch die Bildungschancen einheimischer Schulkinder aus den Unterschichten deutlich verbessern.
Zweitens sollten laut Becker die Eltern besser über die Möglichkeiten des Bildungssystems informiert werden. Drittens sollte die folgenreiche Selektion für die Sekundarstufe nicht bereits nach der vierten oder sechsten Klasse, sondern später erfolgen oder in der obligatorischen Schulzeit gar aufgehoben werden. Viertens müssten die großen Bildungs- und Einkommensunterschiede reduziert werden – in der Schweiz eine "utopische Forderung", wie Becker sagt. Doch in Schweden beispielsweise wirkten sich die ausgeglichene Vermögensstruktur, die bessere schulische Qualifizierung der Bevölkerung sowie die hohe Erwerbstätigkeit der Mütter positiv auf die Chancengleichheit beim Bildungszugang und Erwerb von Bildungsabschlüssen aus.
Weiterführende Links
- Kurzfassung der Studie
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