Geschichtsvermittlung in der Schule
Die Familiengeschichten und Migrationsbiografien der Schülerschaft einzubeziehen, macht den Geschichtsunterricht spannender. Gabriele Woidelko plädiert deswegen im Interview mit Karoline Estermann für die Methode des forschend-entdeckenden Lernens.
05.08.2022 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG, Karoline EstermannDie Leiterin des Bereichs „Geschichte und Politik“ in der Körber-Stiftung schildert auch, wie es um das Interesse der Jugend an historischen Ereignissen steht und welche Verantwortung Lehrkräften bei der Vermittlung zukommt.
Frau Woidelko, 4 von 10 Schülerinnen und Schülern wissen nicht, wofür Auschwitz steht. Das ergab 2017 eine Studie der Körber-Stiftung. Woran liegt das?
Es gibt keine klare Antwort auf diese Frage. Aber wir können genauer hinsehen und es aufgeschlüsselt nach den Altersgruppen und in Zusammenhang mit den Lehrplänen betrachten: Es waren vor allem die jüngeren Schülerinnen und Schüler bis 16 Jahre, die in Deutschland in großer Zahl nicht auf die offen gestellte Frage antworten konnten, was sie mit Auschwitz-Birkenau verbinden – nämlich, dass es sich um ein Konzentrations- und Vernichtungslager handelte. In einem Großteil der deutschen Bundesländer beginnt die Beschäftigung mit der NS-Geschichte am Ende der Mittelstufe, genauer gesagt ab Klasse 9, in einigen wenigen Fällen auch erst in Klasse 10. In der Oberstufe wird das Thema dann noch einmal vertiefend behandelt.
Wie steht es aktuell um die Geschichtsmüdigkeit junger Menschen?
In den letzten Jahren sehen wir einen Anstieg der Besucherinnen und Besucher in Gedenkstätten und an Erinnerungsorten. Darunter sind auch viele junge Menschen. Daraus können wir schließen, dass es kein allgemeines Desinteresse an der Geschichte gibt und schon gar nicht an der Geschichte des Nationalsozialismus. Junge Menschen in Deutschland sind nicht geschichtsmüde. Was wir schon in der Umfrage 2017 entdeckt haben, ist ein Missverhältnis zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung. Viele Jugendliche sagten, dass sie sich selbst für Geschichte interessieren würden, sie die Mitschülerschaft oder den Freundkreis aber als nicht besonders interessiert einschätzen würden. Interessanterweise passiert das Gleiche beim Blick der älteren Generation auf die jüngere. Heute attestieren viele ältere den jüngeren Menschen eine Geschichtsmüdigkeit, die die Jugendlichen selbst jedoch nicht bestätigen. Wir müssen uns also keine Gedanken darüber machen, dass sich junge Leute in Deutschland nicht mehr für Geschichte interessieren. Wir müssen uns vielmehr Gedanken darüber machen, welche Zugänge wir für sie schaffen.
Die Historikerin und Slawistin Gabriele Woidelko leitet in der Körber-Stiftung den Bereich Geschichte und Politik. Die Körber-Stiftung setzt sich als gemeinnützige Organisation in verschiedenen Projekten für eine geeinte und zukunftsorientierte Gesellschaft ein. Zu ihren Tätigkeitsfeldern zählen Demokratiebildung, Innovationsförderung und die Stärkung des internationalen Dialogs.
Welche Verantwortung kommt hierbei Lehrkräften zu?
Die Rolle von Lehrkräften ist entscheidend, wenn es um das geht, was am Geschichtsunterricht das Interessante ist: eine Orientierung für das Heute zu bieten. Ohne eine kluge, empathische und auf die Lebenswelt der Jugend bezogene Vermittlung ist das schlichtweg nicht möglich. Lehrkräfte sind Bezugspersonen, sie geben Anleitung und Orientierung.
Wie gestalten Lehrkräfte den Geschichtsunterricht spannend?
Erstens ist Geschichtsunterricht immer dann erfolgreich, wenn es einen Bezug zum Heute gibt. Neben der Vermittlung von historischen Fakten muss eine Orientierung für das gegeben werden, was die jungen Menschen um sich herum erleben. Am Beispiel der Geschichte des Nationalsozialismus gesagt: Wenn die Schülerinnen und Schüler über die Betroffenheit hinaus anfangen, Fragen zu stellen, wie es um Rassismus und Diskriminierung in der Klasse steht, wenn das Gestern mit Blick auf das Heute betrachtet wird, dann bringen sich Jugendliche ein. Schülerinnen und Schüler müssen verstehen, dass Geschichte etwas mit ihnen selbst zu tun hat, mit dem Ort, an dem sie leben. Zweitens wird die Verzahnung von schulischen und außerschulischen Angeboten wie Gedenkstätten zunehmend wichtig. Da kommt auch die Frage nach digitaler Vermittlung auf. Die Vorbereitung auf solche Besuche sollte in Zukunft stärker auch durch digitale Medien begleitet werden, da braucht es Medienkompetenz bei Lehrkräften und auch bei der Schülerschaft. Drittens lautet das Stichwort für zukunftsorientierten Geschichtsunterricht: integrativ. Es sollte ein Geschichtsunterricht sein, der die gesellschaftliche Wirklichkeit im Jahr 2021 widerspiegelt. Junge Menschen mit unterschiedlichsten Migrationsbiografien besuchen unsere Schulen. Im Klassenzimmer müssen geschichtliche Erfahrungen unterschiedlichster Art einbezogen werden.
Wie kann das funktionieren?
Ein Ansatz ist forschend-entdeckendes Lernen. Dieses Design könnte in Zukunft eine größere Rolle spielen, weil die biografischen Prägungen berücksichtigt werden. Es wird abgefragt, mit welchen Geschichten die Schülerinnen und Schüler in das Klassenzimmer kommen. Dann wird geschaut, welches Thema sie verbindet, um daraus eine historische Projektarbeit abzuleiten. Die Lehrkraft gibt ihnen das methodische Rüstzeug, um die eigene Lebensgeschichte und das eigene Umfeld kritisch zu reflektieren: Die Kinder und Jugendlichen müssen lernen, mit unterschiedlichen Quellen umzugehen. Ob es schriftliche Quellen sind, Zeitzeugengespräche, Fotomaterialien oder Filme – im Idealfall kommen bei einem guten forschend-entdeckenden Lernen unterschiedliche Quellen zusammen. Diese werden ausgewertet und ermöglichen es den jungen Menschen, am Ende die Frage zu beantworten: Was hat Geschichte mit mir zu tun? Die Frage, wer wir sind und warum wir so sind, kann niemand ohne das Wissen beantworten, wo wir herkommen. Den historischen Gegenstand zu erfassen ist der erste und die Ableitung in die Lebenswelt der zweite Schritt.
Wie hängen Geschichte und aktuelle Politik zusammen?
Geschichte ist immer auch politisch. Es ist beispielsweise nicht möglich, das Ende des Ersten Weltkriegs und den Beginn der Weimarer Republik als historisches Ereignis für sich zu betrachten. Es hat auch die Komponente der Entstehung der Demokratie. Nicht umsonst wird an vielen Schulen zwischen den Geschichts- und Politiklehrkräften kooperiert. Das zeigen unsere Erfahrungen aus dem Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Dort suchen sich die Teilnehmenden zu einem Oberthema ein eigenes Projekt mit persönlichem oder regionalem Bezug. Sie erlangen das Verständnis darüber, dass Geschichte eben nichts ist, was irgendwann vor 100 Jahren passiert und abgeschlossen ist. Geschichte ist etwas, das in die Gesellschaft und den eigenen Wohnort, an dem ich lebe, hineinwirkt. In jeder Wettbewerbsrunde nehmen auch Deutsche Auslandsschulen teil, das freut uns sehr.
Sollten Geschichte und Politik in der Schule zusammen vermittelt werden?
Man kann grundsätzlich über Fächer hinweg gute Projekte gemeinsam gestalten, insbesondere mit Blick auf historisches Lernen. Manchmal braucht es im Schulalltag mehr Freiräume, unter anderem für Projekte, die Lehrkräfte aus unterschiedlichen Fachbereichen interdisziplinär angehen. Zum Beispiel die Geschichtslehrkraft gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Politik oder Kunst. Was den Politik- und Geschichtsunterricht an sich betrifft, so verbindet beide Fächer, dass Praxiselemente und der lebensweltliche Bezug wichtig sind. Schülerinnen und Schüler müssen dazu befähigt werden, sich selbst in die Positionen anderer zu versetzen – zum Beispiel in die Position der historischen Zeitgenossen oder eben in die Position politischer Entscheidungsträger.
Gibt es mehr Interesse für Politik als für Geschichte?
Das Interesse für Politik ist vermutlich etwas stärker als das für die Vergangenheit. Die Themen, die politisch relevant sind, liegen buchstäblich auf der Straße, wie beispielsweise die Fragen zu Nachhaltigkeit und Mobilität. Aber viele aktuelle Themen wie Rassismus und Ausgrenzung können wir ohne den historischen Kontext gar nicht diskutieren.
Welchen Impuls geben Sie Lehrkräften für ihren Geschichts- und Politikunterricht?
Die richtige Einordnung von Geschichte wird uns in der Ausbildung von jungen Menschen beschäftigen. Es muss uns gelingen, junge Menschen und uns selbst dazu zu befähigen, aufmerksam gegen die Instrumentalisierung von Geschichte durch rechte Bewegungen einzutreten. Corona-Leugner, Querdenker – da braut sich etwas zusammen und wir müssen sehr wachsam sein. Historische Figuren wie Sophie Scholl werden für politische Zwecke instrumentalisiert.* Wir brauchen ein Instrumentarium, diesen Botschaften sehr engagiert entgegenzutreten. Wir brauchen dafür pädagogische Instrumente, um Lehrkräfte dazu zu befähigen, diese Geschichtsverfälschung als Provokation zu erkennen, sie ihren Schülerinnen und Schülern als solche zu erklären und darüber zu diskutieren.
*Anm. d. Red.: Auf einer Demonstration gegen Corona-Schutzmaßnahmen in Deutschland verglich sich eine Rednerin mit der Nazi-Widerstandskämpferin Sophie Scholl und wurde daraufhin für die Verharmlosung des Holocausts kritisiert.
Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift „BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 2-2021 veröffentlicht.
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